10. September 2026
Wenn’s wirklich gar nicht anders geht,
Wenn mein Schrein schon beim Schreiner steht,
Wenn der so hastig daran sägt, als käm’s auf eine Stunde an,
Wenn jeder Vorwand, jede List
Ihm zu entgehn, vergebens ist,
Wenn ich, wie ich’s auch dreh und bieg,
den eignen Tod nicht schwänzen kann,
Sich meine Blätter herbstlich färben,
Wenn’s also wirklich angehn muss,
Hätt ich noch einen Wunsch zum Schluss,
Ich möcht im Stehen sterben.
Wie ein Baum, den man fällt,
Eine Ähre im Feld,
Möcht ich im Stehen sterben.
Wenn ich dies Haus verlassen soll,
Fürcht ich, geht das nicht würdevoll,
Ich habe viel zu gern gelebt, um demutsvoll bereitzustehn.
Die Gnade, die ich mir erbitt,
Ich würd gern jenen letzten Schritt,
Wenn ich ihn nun mal gehen muss, auf meinen eignen Füßen gehn,
Eh Gut und Böse um mich werben,
Eh noch der große Streit ausbricht,
Ob Fegefeuer oder nicht,
Möcht ich im Stehen sterben.
Wie ein Baum, den man fällt,
Eine Ähre im Feld,
Möcht ich im Stehen sterben.
Ohne zu ahnen, welche Frist
Mir heute noch gegeben ist,
Ohne das Flüstern wohlvertrauter Stimmen vor der Zimmertür,
Ohne zu ahnen, was man raunt,
Zum Schluss nur unendlich erstaunt,
Wenn ich Freund Hein wie einen eisgen Luftzug um mich wehen spür.
Für jenen Abgang, jenen herben,
Der mir so unsagbar schwerfällt,
Hätt ich den leichtesten gewählt,
Ich möcht‘ im Stehen sterben.
Wie ein Baum, den man fällt,
Eine Ähre im Feld,
Möcht ich im Stehen sterben.
Aus „Wie vor Jahr und Tag“, 1974
Fotos © Rasale Aydin und Hella Mey